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Interview mit Herbert Brandl (Mai 2007)

Liebe Kunstfreunde,

Anfang Mai jedes Biennale-Jahres erwachen die Giardini in Venedig aus ihrem Dornröschenschlaf. Unkraut und wildwachsendes Gras stehen noch hüfthoch vor den Pavillons. Doch in diesen machen sich Handwerkertrupps an die Arbeit. Es wird geschliffen, gereinigt und – in diesem Jahr überraschend viel – gebaut.

Auch im österreichischen Pavillon wurden in den letzten Wochen mehrere großflächige Modifikationen vorgenommen. Sie dienen der Beruhigung der visuellen Situation im Pavillon und sind auf die Ausstellung von Herbert Brandl zugeschnitten. Zugleich wurden durch diese temporären Eingriffe einige Proportionen und Lichtverhältnisse wiederhergestellt, die Josef Hoffmann, der Architekt des Pavillons (1934), in seiner Zeit als österreichischer Biennale-Kommissär (1948-1956) praktizierte. Der Umstand, dass seit einigen Jahren – nach der nachhaltigen Tätigkeit von Adolf Holubowsky – mit Troels Bruun ein dänischer, in Venedig ansässiger Architekt mit dem österreichischen Biennale-Pavillon betraut ist, hat sicherlich dazu beigetragen, respektvoll, aber zugleich sehr frei und nicht historisierend mit dem Hoffmannschen Pavillon umzugehen.

Zugleich bewegt derzeit eine Frage die Kunstwelt: Wie werden sich die Biennale von Venedig, die 12. documenta in Kassel, die Skulptur Projekte in Münster und – ab September – die Istanbul-Biennale zueinander verhalten? Welche dieser vier Großausstellungen dieses Kunstsommers wird die künstlerischen Fragestellungen, Probleme, Ideen und Visionen für die späten 2000er Jahre und die frühen 2010er Jahre definieren und sinnlich zusammenfassen? Darum geht es in der spürbaren und viel diskutierten Konkurrenz dieser vier künstlerischen Großereignisse der kommenden Monate.

Welche „Karten“ hat die Biennale von Venedig in diesem Spiel? Mit Robert Storr, dem künstlerischen Leiter dieser 52. Kunstbiennale in Venedig, hat die Biennale-Organisation einen der höchstgehandelten Kuratoren der mittleren Generation ausgewählt. Storr hat im New Yorker MOMA diskursprägende Ausstellungen wie etwa die Retrospektive von Gerhard Richter ausgerichtet. Er ist nach Okwui Enwezor (documenta 11, 2002) und Dan Cameron (Istanbul-Biennale 2003) erst der dritte US-Amerikaner, der eine Großausstellung dieser Dimension ausrichtet. Seine „internationale Ausstellung“ im Rahmen dieser Biennale (in zwei Teilen, in den Giardini und im Arsenale) wird als groß angelegtes Statement zur Kunst der Gegenwart erwartet. Zugleich hat Robert Storr Wert darauf gelegt, dass die Türkei, Indien (was nicht gelang) und Schwarzafrika erstmals mit eigenen Pavillons vertreten sind.

Die Stärke dieser 52. Biennale von Venedig dürfte nicht zuletzt in den Nationalpavillons liegen, für die von den verschiedenen Ländern eine außergewöhnliche Riege an Künstlern und Kuratoren berufen wurde. Der Deutsche René Block, Dojen der Avantgarde-Galeristen und Ausstellungsmacher, Mitbegründer der „Manifesta“, kuratiert den skandinavischen Pavillon. Maria Hlavajova aus Bratislava, seit Jahren erfolgreich in Utrecht tätig und zuvor Kuratorin der „Manifesta“, wurde von den Niederlanden als Kuratorin berufen. Die Französin Christine Macel, der Kustoden-Star des Centre Pompidou, betreut den belgischen Pavillon. Ungarn wird von Andreas Fogarasi, einem viel versprechenden jungen Künstler aus Wien, im Nationalpavillon vertreten. Am deutschen Pavillon wagt die Bildhauerin Isa Genzken (Kommissar Nikolaus Schaffhausen, Direktor der Kunsthalle Witte de With in Rotterdam, Niederlande) eine große Geste. Den britischen Pavillon bespielt die Star-Künstlerin Tracy Emin. Im US-Pavillon wird Felix Gonzalez-Torres, der 1995 verstorbene, einflussreichste Künstler der frühen 90er Jahre, posthum gezeigt. Im französischen Pavillon hat sich die Künstlerin, Sophie Calle, die auf Grund eines Vorschlags von Christine Macel und mir berufen wurde, niemand anderen als Daniel Buren als Kurator ihrer Ausstellung ausgewählt (Buren hat 1986 als erster französischer Künstler seit 1962 wieder den Großen Preis für seine Ausstellung im gleichen Pavillon errungen).

Jede venezianische Biennale ist von ihrem künstlerischen Leiter geprägt. Robert Storr hat sich von Anbeginn dafür entschieden, den unterschiedlichen Absichten und Vorhaben in den Nationalpavillons freien Lauf zu lassen und sich auf die internationale Ausstellung zu konzentrieren, die er selbst verantwortet. Zugleich hat er in den Pressekonferenzen zur Biennale in Rom, Berlin, Paris, Istanbul und New York eine ebenso interessante wie stimmige These vertreten. Die Biennale von Venedig sei eine Ausstellung des 19. Jahrhunderts, tief geprägt vom Universalismus der ersten Weltausstellungen und von der Idee der Völkerverständigung im friedlichen Wettstreit der künstlerischen Ideen. Dagegen sei die documenta in Kassel nach wie vor eine Ausstellung der europäischen Nachkriegszeit, eine Thesenausstellung zur Legitimierung der zeitgenössischen Kunst.

Das ist sehr richtig. Es gibt aber noch einen Vorteil in Venedig, der angesichts der Bauarbeiten Anfang Mai sichtbar wird. Herbert Brandl, Sophie Calle, Tracey Emin, Isa Genzken, Felix Gonzalez-Torres – um die wichtigsten Pavillons zu nennen – haben jeder zwischen 400 und 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche mit mehreren, unterschiedlichen Räumen zur Verfügung. Das gibt es für keinen Künstler und für keine Künstlerin an gleich welcher anderen Großausstellung, die documenta eingeschlossen. Das macht die Biennale von Venedig so interessant.

Mit freundlichen Grüßen,

Robert Fleck



Interview mit Herbert Brandl (Mai 2007)

Robert Fleck: Unter Deinen Bildern für Venedig ist ein abstraktes Gemälde mit einer „verrückten“ Farbkombination: rot, gelb und violett. Es erinnert mich an einen Sonnenuntergang. Ist eine solche Interpretation erlaubt?

Herbert Brandl: Es ist ein Sonnenaufgang. (Lachen) Morgenröte.

RF: Du siehst Dir vor dem Malen oft Fotos an. Gab es auch hier eine Anregung?

HB: Ja. Es waren allerdings Fotos von einem Sonnenuntergang. Das Bild wurde dann beim Malen zu einem Sonnenaufgang. Die Fotos entstanden im Norden von Lanzarrotte, von einer Steilklippe, auf das Meer hinaus. Es hat mich immer wieder gereizt, diese Fotos zu verarbeiten. Ich habe sie aber natürlich nicht abgemalt. Das ist wie aus dem Augenwinkel gesehen.
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